Das Christkind – der engelsgleiche Gegenspieler vom Weihnachtsmann

Das Christkind, seine Geschichte und wer den lieben Engel erfunden hat

Blonde Locken, mädchenhafte Züge, weißes Kleid, lustige Flügel und Heiligenschein natürlich: Das kann nur das Christkind sein! Die zahlreichen Attribute, die mit dem Christkind verbunden werden, sind zuweilen eine bunte Mischung. Auch seine Herkunft und Geschichte nahm einige Umwege und baute auf berühmten Vorgängern auf. Die Geschichte des Christkinds begann vor etwa 400 Jahren, eigentlich sogar noch früher, aber eins nach dem anderen.

Das Christkind, seine Geschichte und viel nützliches Wissen über Weihnachten

Annehmen könnte man vor dem Hintergrund, dass Weihnachten das große Fest zu Ehren der Geburt des Heilands Jesu Christi ist, natürlich direkt, dass das Christkind den kleinen Jesus in der Krippe darstellen soll. Sozusagen das erste Kind der Christen eben. Doch ganz so einfach ist es nicht. Bis das Engelchen mit den schönen blonden Locken die Kinder als Geschenkeüberbringer glücklich machen durfte, war es ein weiter Weg.

Lange Zeit vor der Ankunft des Christkinds, so wie wir es heute kennen, brachte nämlich der Nikolaus die Geschenke zu den Kindern. Und zwar nicht am 24. oder 25. Dezember, sondern zum Nikolaustag am 6. Dezember. Bis ins tiefe Mittelalter hinein konnte man weder das engelsgleiche Christkind noch den gemütlichen Weihnachtsmann, seinen heutigen Gegenspieler an der Geschenkefront, unter den Festfiguren finden.

„Das Christkind, das liebe holde geflügelte Wesen, zählt überraschenderweise zu den mythischen Gestalten des Weihnachtsfests, die viel jünger sind als man denkt.“

Der Heilige Bischof Nikolaus von Myra war es, der die Kinderaugen im Advent mit kleinen Geschenken viele Jahrhunderte lang zum Strahlen brachte. Ihm zu Ehren gab es unter Kindern in der Kirche oder an Klosterschulen sogar Bischofsspiele mit Kinderbischöfen als Laiendarsteller. Denn von Nikolaus ist nur Gutes überliefert. Er zeichnete sich zu Lebzeiten vor allem durch eine ausgesprochene Milde und Barmherzigkeit gegenüber Armen, Benachteiligten und Kindern aus.

Durch echtes Christentum eben. Zahlreiche Legenden, wie etwa die der Mitgiftspende, des Kornwunders oder der Rettung des ertrunkenen Sohnes, ranken sich bis heute um ihn. Das alles machte Nikolaus zu einem der am meist verehrten Heiligen unter Christen. Und freilich machte es ihn zum perfekten Gabenbringer. Doch wer oder was hat an dieser Geschichte, von ihm die Geschenke zu Weihnachten zu empfangen, etwas geändert? Wer hat aus dem Nikolaus das Christkind gemacht?

Wie wurde die Figur vom Christkind geboren? Wer erfand das Christkind?

Die Antwort lautet: Martin Luther war es. So sagt man. Vielleicht noch nicht in der heutigen Form des Engelchens mit den goldenen Locken und dem Glöckchen, dass nach vollbrachter Bescherung ertönt, aber eben dem Grundsatz nach. Der Vater der Reformation lehnte ab dem 16. Jahrhundert die personifizierte Heiligenverehrung ab. Damit einher ging nach Luther natürlich ebenso die Ablehnung der Verehrung des Heiligen Nikolaus.

Dem protestantischen Kirchenreformator schreiben nahezu alle Forscher und Experten zu, dass er entscheidend dafür verantwortlich war, den Nikolaus durch den „Heiligen Christ“ zu ersetzen. Und Luthers theologisches Wirken, Wissen und Teilen war es wohl auch, weshalb das große Geschenkfest für die Kinder vom 6. Dezember auf den 24. bzw. 25. Dezember, also auf die angenommene Geburtsstunde des Erlösers und Gottes Sohn Jesus Christus verlegt wurde.

„Das Wissen um die wirkliche Entstehung der Figur des Christkinds ist lückenhaft. Allerdings gilt seine heutige Zurückführung auf Martin Luther als relativ gesichert.“

Luthers Christkind war jedoch anfangs wohl eher noch eine erwachsene männliche Figur, wie der spätere Heiland selbst. Der kindliche, mädchenhafte Engel mit den goldenen Locken wurde erst später aus ihm. Diese Transformation, die wahrscheinlich dem Neugeborenen in der Krippe nachempfunden ist, festigte sich erst über die folgenden Jahrhunderte.

Mit großer Wahrscheinlichkeit verfestigte sich eben diese Idee des Christkinds auch aus den Umzügen, Prozessionen und Krippenspielen heraus, die jedes Jahr an Weihnachten gefeiert wurden und bis heute gefeiert werden. Es wäre nicht der erste populäre Mythos, der sich im Laufe der Zeit verselbstständigt hat. Martin Luther war also gewissermaßen der geistige Vater der Figur des Christkinds. Mütter hat diese mythische Gestalt aber viele.

Verbreitung des Christkinds im Gegensatz zum Weihnachtsmann

Die Gestalten des Christkinds und des Weihnachtsmannes erfuhren im Laufe der Jahrhunderte einige interessante Wandlungen, Aufladungen und Transformationen. Ursprünglich hatte sich beispielsweise der Brauch vom Christkind zunächst unter Luthers Anhängern im evangelischen Deutschland verbreitet. Erst viel später fand der Brauch gemeinsam mit dem Adventskranz und dem Weihnachtsbaum über das Rheinland den Weg ins katholische Bayern und nach Österreich.

Dennoch ist das Christkind heute im katholischen Süden von Deutschland und im nicht minder katholischen Österreich viel populärer als in den evangelischen Landesteilen von Deutschland in Mitte, Norden und Osten. So unstrittig das Christkind seiner Erfindung nach also ursprünglich eine protestantische Symbolfigur war, so unstrittig ist sie inzwischen am häufigsten verbreitet in katholischen Regionen von Deutschland.

„So, wie es in jeder Familie verschiedene Menschen gibt, macht sich am Ende jeder auch sein eigenes Bild vom Gabenbringer zu Weihnachten. Verschiedene Menschen, verschiedene Figuren!“

Die deutschen Protestanten hingegen feiern mehrheitlich lieber mit der Figur des Weihnachtsmanns Bescherung an Heiligabend. Das ist auch der Grund dafür, warum Weihnachtsmärkte in Süddeutschland oder in den katholischen Rheinlanden heutzutage eher Christkindlesmarkt oder Christkindlmarkt heißen und eben nicht Weihnachtsmarkt.

Sogar im US-amerikanischen Chicago gibt es seit dem Jahr 1996 einen Christkindlmarket. Der wird übrigens alljährlich vom offiziellen Christkindl des Nürnberger Christkindlesmarkts eröffnet. International sieht die Sache überhaupt schon ein wenig anders aus mit dem unausgesprochenen Wettbewerb zwischen Christkind und Weihnachtsmann.

Welche Bedeutung hat das Christkind international?

Auch in der Schweiz, vor allem in der Deutschschweiz, hat das Christkind im Laufe der Zeit den Nikolaus weitgehend verdrängt. Dort heißt er übrigens kurz Chlaus. Nicht nur in der katholischen, sondern auch in Teilen der reformierten Schweiz war es nämlich ebenfalls der Nikolaus, der die Geschenke für die Kinder brachte. Allerdings empfand man das Christkind dort mancherorts noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein als „katholischen Import“ aus Süddeutschland.

Große internationale Bedeutung genießt das Christkind neben dem schon erwähnten Österreich ebenso als „Enfant du Christ“ im heute französischen Elsass und als „Christus Kand“ nicht weit davon entfernt im letzebürgisch sprechenden Luxemburg. Auch in wenigen Teilen Polens – wie im bevölkerungsreichen Oberschlesien, das ansonsten vom Weihnachtsmann dominiert wird – und in Tschechien oder im italienischen Südtirol ist das Christkind lebendiger Brauch.

„Es gibt viele Orte und Regionen auf der Welt, wo die Kinder das Christkind empfangen, nicht den Weihnachtsmann.“

Ebenso hat das Christkind international noch nennenswert viele Anhänger in Teilen Osteuropas, allen voran in der Slowakei, Slowenien und Kroatien. Sogar im römisch-katholischen Südbrasilien, in Rio Grande do Sul mit der bekannten Hafenstadt Porto Alegre, bringt das Christkind die Geschenke und nicht der Weihnachtsmann.

Erklären lässt sich das ein bisschen vor dem Hintergrund, dass diese brasilianische Region um die lebendige Hauptstadt, die auf Deutsch so viel wie „Freudiger Hafen“ bedeutet, zusammen mit anderen Bundesstaaten wie Santa Catarina und Paraná zu den Gebieten gehört, die besonders viel Einwanderung aus dem italienischen und deutschsprachigen Raum erfahren haben.

Ändern kann diese beachtliche internationale Verbreitung des Christkindes unter großem süddeutschem Einfluss in alle Welt allerdings nichts daran, dass der Weihnachtsmann weltweit der Gabenbringer Nr. 1 bleibt. Das Christkind besitzt heute international große Bedeutung. Es hat Karriere gemacht, keine Frage. Aber die Bedeutung des Weihnachtsmanns ist schlichtweg global.

Nützliches unnützes Wissen und Tipps zum Christkind

Ganz gleich, ob Protestant oder Katholik, streng gläubig oder eher weniger – rund um das Christkind ranken sich noch etliche weitere Episoden, Tipps, Gegenstände, Produkte und so manche bemerkenswerte Tradition der Gegenwart. Mehr darüber zu wissen, dürfte eine echte kleine Hilfe und wirkliche Bereicherung beim Smalltalk über die Feiertage sein.

Ein bisschen mehr Wissen erleichtert vielleicht sogar das Schreiben gelungener Weihnachtsgrüße digital und online oder eben wie früher per Brief mit Grußkarte. Post zu Weihnachten ist und bleibt überhaupt ein großes Thema. Jeder mag Weihnachtspost. Aber fast jeden stresst sie – manchen positiv, manchen negativ. Ein bisschen mehr Hintergrundwissen lindert den Stress womöglich.

5 Dinge, die Du über das Christkind wissen kannst, aber nicht unbedingt wissen musst:

  • Junge oder Mädchen: Beim Geschlecht des Christkindes streiten sich die Experten schon seit Anbeginn seines Erscheinens. Ob das Christkind Junge oder Mädchen ist, wissen nur die wenigstens. Können sie auch nicht, da das nirgendwo wirklich definiert ist. Am nachvollziehbarsten ist wohl die Annahme, dass das oft mädchenhaft dargestellte Christkind in Wahrheit geschlechtsneutral sei.

    Schließlich hat erstens noch nie jemand das Christkind tatsächlich gesehen. Also kann es auch niemand wissen. Und zweitens sind die Geistwesen in geflügelter Menschengestalt theologisch per se geschlechtsneutral. So sagt es zumindest der Erlöser Jesus himself im Markusevangelium, dem zweiten Buch des Neuen Testaments in der christlichen Bibel, in Kapitel 12 in den Versen 25 bis 27.
  • Echte Christkinder: Früher und auch heute noch werden Kinder, die am 24. Dezember Geburtstag haben, umgangssprachlich als „Christkinder“ bezeichnet. Wenigstens ein kleiner symbolischer Trost dafür, wenn man unterm Strich schon nur noch die Hälfte der Geschenke bekommt, die andere Kinder erhalten. Dieses Gap der Kollision der größten Geschenkfeste für die Kleinen lässt sich aber für alle zum Frühlingsanfang gezeugten Kinder leider kaum vermeiden.
  • Briefe ans Christkind: Wie auch an den Weihnachtsmann schreiben viele Kinder jedes Jahr gerne gefühlvolle und liebe Briefe, Wunschzettel und Grüße an das Christkind. Die neun offiziellen Weihnachtspostämter, die es beispielsweise allein in Deutschland gibt, beantworten jeden dieser Briefe selbstverständlich mit derselben großen Hingabe, wie die, die an den Weihnachtsmann gerichtet sind.

    „Post-Rassismus unter den Symbolfiguren“ gibt es nicht. Weihnachten ist und bleibt das Fest der Liebe auf allen Ebenen. Kinder, die einen Brief ans Christkind schreiben, erhalten Antwort vom Christkind. Kinder, die einen Brief an den Weihnachtsmann schreiben, erhalten Post vom Weihnachtsmann. So geht guter Service beim Weihnachtspostamt!

    Ein beliebtes Christkindl-Postamt ist seit 1950 im gleichnamigen oberösterreichischen Christkindl, einem Ortsteil der Stadt Steyr, beheimatet. Verschiedene Postgesellschaften weltweit geben zu Weihnachten zudem Sonderstempel und Briefmarken mit weihnachtlichen Motiven heraus. Die sind bei Sammlern oft begehrter als die Briefe selbst.
  • Christstollen: Das beliebte puderzuckersüße Backwerk zu Weihnachten soll angeblich dem kleinen Bündel nachempfunden sein, dass das Jesuskind in der Krippe gewesen sein muss. Weiß wie das in Windeln bzw. damals ins Leinentuch gehüllte Neugeborene im Stall zu Bethlehem eben. Streng genommen müsste dann Christstollen allerdings eher Jesusstollen heißen.
  • Krippe und Familie: Maria, Josef und das Jesuskind, dazu ein paar Tiere und die heiligen drei Könige nicht vergessen – das sind für gewöhnlich die Gestalten der Geschichte, die in jeder Weihnachtskrippe zu finden sein sollten. Allerdings gibt es auch hier international und regional wieder Abweichungen, recht sonderliche zuweilen.

    Die Katalanen in Spanien stellen zum Beispiel zusätzlich noch einen sog. „Caganer“ in die Krippe. Übersetzt bedeutet das „Scheißer“. Eine Figur, die die traditionelle Tracht katalanischer Bauern trägt und im Stall buchstäblich mit heruntergelassenen Hosen hockt. Die katholische Kirche in Spanien scheint nichts Anstößiges an dem lustigen Brauch zu finden. Feliz Navidad! Fröhliche Weihnachten! Merry Christmas!